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„Mehr Demokratie wagen“: Nachruf auf Willy Spieler (1937–2016) / «Oser plus de démocratie»: hommage à Willy Spieler (1937–2016)

„Mehr Demokratie wagen“: Nachruf auf Willy Spieler (1937–2016)

Am 25. Februar ist Willy Spieler verstorben. Mit ihm verlieren wir einen Genossen, für den Demokratie, Mitbestimmung, Solidarität und Nächstenliebe nicht bloss Worte waren, sondern Werte, die uns jeden Tag fordern, und die immer wieder von neuem in die Praxis umgesetzt werden wollen. Die Praxis war es auch, die ihm am meisten am Herz lag, obwohl er auch auf theoretisch-konzeptueller Ebene Entscheidendes beigetragen hat.

Für das neue Parteiprogramm der SP Schweiz, das 2010 am Parteitag in Lausanne verabschiedet wurde, verantwortete er den sogenannten „visionären Teil“, und prägte damit das neue Programm massgeblich. Am Parteitag 2012 in Lugano, als die Geschäftsleitung der SP Schweiz eine eher blutarme Kurzfassung des Parteiprogramms vorlegte, legte Willy Spieler eine eindringliche, präzise und gut lesbare Alternative vor, die schliesslich die Stimmen einer Mehrheit der Parteibasis erhielt. Einige Tage nach Willys Tod durfte ich diese Kurzfassung an einer Sektionsversammlung präsentieren, zu der Willy selber auch eingeladen gewesen wäre. Es war traurig, dass Willy nicht mehr bei uns sein konnte. Doch gleichzeitig war es ein hoffnungsvoller Anlass: Die Anwesenden liessen sich von Willy Text berühren, und es entwickelte sich eine spannende Diskussion über Werte, Ziele und Vorgehensweisen unserer Partei, die ganz in seinem Sinn gewesen wäre. Denn Willy Spieler war nicht zuletzt auch ein Mensch des Dialogs, des Gesprächs und des fortgesetzten Austauschs mit Gleichgesinnten wie auch mit Menschen, die andere Meinungen vertraten als er.

Zentral für Willy Spieler waren Begriff und Praxis der Wirtschaftsdemokratie. Die Demokratie durfte nicht am Fabriktor und am Büroeingang aufhören: Alle sollten an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Betrieben und möglichst auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene an den wichtigen Entscheidungen teilhaben können. Willy verfasste zahlreiche Artikel und Reportagen über Grundprinzipien und konkrete Beispiele von Wirtschaftsdemokratie, beispielsweise über verschiedene genossenschaftlichen Bewegungen. Er sah auch Mitbestimmungspotential in Strömungen, die nicht von links kamen, beispielsweise im „New Public Management“. Damit zeigte er, dass er immer auch taktisch dachte und manchmal Verbündete an unerwarteten Orten fand. In den lokalen Parlamenten versuchten wird, in den Gemeindeverwaltungen die Mitbestimmung zu fördern. Willy Spieler war immer bereit, an Sitzungen mit GenossInnen und GewerkschaftskollegInnen teilzunehmen, er las unserer Papiere und parlamentarischen Vorstösse und gab wertvolles Feedback. Dabei war er immer sehr kritisch und überprüfte alles auf Praxistauglichkeit – denn Mitbestimmung durfte nie nur Farce oder Etikette sein, sondern musste gelebte Praxis werden. Gerne zitierte er Willy Brandt: „Mehr Demokratie wagen!“ Wir werden es weiter wagen – nun leider ohne ihn.

Rebekka Wyler

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