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Wohnbaugenossenschaften in der (deutschen) Schweiz

Article paru en français dans Pdg N°164

Eine Aufbruchstimmung hat die Genossenschaftsbewegung erfasst. In vielen Städten und Gemeinden der deutschen und der französischen Schweiz wird die politische Initiative ergriffen und versucht Wohnungsnot, hohe Mietzinsen, soziale und funktionale Entmischung mit einem altbewährten Rezept anzugehen – mit der Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Auf der anderen Seite entwickeln traditionelle wie auch im Nachgang der 68er- und 80er Bewegung entstandene Genossenschaften in Kooperationen neue Umsetzungsformen und Projekte, die die Anforderungen der Nachhaltigkeit besser und umfassend erfüllen.

Vorläufiger Höhepunkt einer raschen und breiten Entwicklung der Genossenschaftsbewegung in der Stadt Zürich im letzten Jahrzehnt ist die Auszeichnung des Projekts Hunzikerareal der Baugenossenschaft mehr als wohnen mit dem World Habitat Award für die nördliche Hemisphäre durch UN–Habitat und die Building and Social Housing Foundation und dem Schweizer Ethikpreis der heig-vd in Yverdon.

Das Projekt Zwicky-Areal der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 wurde vom sia-mit dem Preis «Umsicht 17» für die zukunftsfähige Gestaltung des Lebensraums und vom Kanton mit dem Architekturpeis ausgezeichnet. Die Überbauung des Tramdepots Kalkbreite durch die gleichnamige Baugenossenschaft errang zugleich den kantonale Preis und die städtische Auszeichnung für gute Bauten.
Allesamt Projekte, die hohe Ansprüche an soziale Innovation und architektonische Qualität stellen und auch erfüllen, die experimentieren und überzeugende Lösungen in räumlicher, gesellschaftlicher, technologischer und ökologischer Hinsicht liefern.
Auch zahlreiche weitere Neubau- und Sanierungsprojekte von eher traditionellen, kleinen, mittleren und grossen Baugenossenschaften erhielten aufgrund ihrer überzeugenden Qualität von Stadt und Kanton Auszeichnungen – im Vergleich zu den gewinnorientierten Bauherren in einem weit überproportionalen Umfang.

Anstösse zu dieser wiedergefundenen Dynamik der Wohnbaugenossenschaften gaben zwei Entwicklungslinien und günstige Voraussetzungen.
Einerseits wurden nach dem Aufstand der Jugend 1968 die Sehnsüchte nach neuen gemeinschaftlichen und selbstverwalteten Wohnformen von einzelnen als Genossenschaften organisierten Gruppen umgesetzt und Häuser in der Stadt (Basel, Zürich, Bern) gekauft und der Spekulation entzogen. Als wirkungsvoller und mit mehr Wachstumspotenzial zeigten sich die Gründungen von Wogeno‘s als Dachorganisationen von selbsverwalteten Hausvereinen (Zürich, Aargau, Bern, COLO Biel, GESEWO Winterthur, Luzern, Solothurn, Olten, Sursee, Gewo Züri Ost, coDHA Genève und sogar München). Weiteren Schub gab die Jugendbewegung 1980, die alles wollte und zwar subito. Aus dieser europäisch vernetzten Bewegung, die für kulturelle Freiräume kämpfte, sind zahlreiche neue Genossenschaften hervorgangen, wie zum Beispiel Bärenfelserstrasse Basel, CIGUE Genève, Karthago und Kraftwerk1 in Zürich, die utopisch wirkende Formen des Wohnens und Zusammenlebens teils auf brachliegenden Industriearealen und besetzten Häusern praktisch erprobt und teils theoretisch beschrieben hatten.
Anderseits kam Bewegung in die lange Zeit in einem Dornröschenschlaf verharrenden traditionellen Baugenossenschaften mit einem grossen, erneuerungsbedürftigen Wohnungsbestand und vielfach schwindendem Engagement der Mitglieder.
Die 100-Jahresfeier des gemeinützigen Wohnungsbaus 2007 in der Stadt Zürich war dann der Anlass um sich zusammen zu tun und ein zukunftsweisendes Projekt zu realisieren. Rund 50 Genossenschaften gründeten «mehr als wohnen». Und gaben damit Anregung für ähnliche Kooperationen in anderen Städten und Regionen: Ostschweiz, Luzern, Basel, Bern, Biel, Neuenburg, Lausanne, Genf wo mehre hundert Wohnungen in grossen und ambitionierten Projekten entstehen werden.

Quartierteil Huzikerareal, Baugenossenschaft mehr als wohnen, Foto U. Meisser

Überbauung Tramdepot Kalkbreite, Baugenossenschaft Kalkbreite, Foto: U. Keller

Die ersten Wohnbaugenossenschaften entstanden als Folge der schlechten Wohnbedingungen nach 1860 und insbesondere ab 1890 und bis zum ersten Weltkrieg in den Städten Basel, Bern, Biel, Zürich, Winterthur und St. Gallen. Ab 1910 folgten die von den Bundesbetrieben unterstützten Eisenbahnergenossenschaften. Wegen der grossen Wohnungsnot nach 1918 begannen viele Städte, Kantone und der Bund eine aktive Wohnbauförderung zu betreiben, was einen ersten Boom der Wohnbaugenossenschaften bewirkte. Eine zweite Gründungs- und Bauwelle gab es während und nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 60er Jahre.

Exponentinnen der Genossenschaftsbewegung wie Dora Staudinger, Präsidentin der ABZ, der heute grössten Baugenossenschaft in der Schweiz, formulierten deutlich: «Die Menschen können in ihrer Arbeit und im ganzen sozialen Leben nicht frei werden, solange sie nicht die Erde befreien und sie wieder zum Gemeingute Aller machen» (1918). Es ging nicht nur um ,schöner Wohnen‘, sondern in gemeinsamer Selbsthilfe wollten sie konkrete Alternativen zur Gesellschaft schaffen, an einer neuen, besseren Welt bauen.

Wo die Wohnungsnot besonders gross war, liess sie sich nicht ausschliesslich mit dem Bau kommunaler Siedlungen lösen, weil das nicht finanzierbar war. In Zürich rauften sich Liberale und Sozialdemokraten im Stadtrat zu den ,Grundsätzen 1924‘ zusammen, die bis heute Bestand haben und auch bei den aktuellen Projekten angewendet werden. Auf dieser Grundlage gibt Stadt Land im Baurecht an gemeinnützige Bauträger ab. Sie garantiert zweite Hypotheken der städtischen Pensionskasse bis maximal 94% der Anlagekosten und sie zeichnet 1% Anteilkapital. Dafür hat sie Anspruch auf einen Sitz im Genossenschaftsvorstand und kontrolliert die Einhaltung der Kostenmiete und die Rechnungslegung. So kann eine Genossenschaft mit 5% Eigenkapital starten.

Mit der aktiven Bodenpolitik im roten Zürich unter Stadtpräsident Klöti ab 1928 wurden diese Grundsätze der Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus laufend erfolgreich umgesetzt. Bis 2011 war der Anteil gemeinnütziger Wohnungen bereits auf 25% gewachsen und mit einer Ja-Mehrheit von 76% das Ziel von einem Anteil von 33% bis ins Jahr 2050 in die Stadtverfassung geschrieben.
Gleichgerichtete politische Vorstösse zu einem stärkeren Engagement der Gemeinde in der Bodenpolitik oder die Verpflichtung zu einem Mengenziel kommen landauf, landab zur Abstimmung und sind häufig erfolgreich (Dübendorf, Winterthur, Luzern, Freienbach, Bern…). Schweizweit beträgt der Anteil der genossenschaftlichen Wohnungen heute gerade mal knapp 5% (160‘000 Wohnungen) und ist wegen der regen Bautätigkeit im Eigentumsbereich am sinken. Die Zielsetzung der Volksinitiative des Schweizerischen MieterInnenverbandes einen Anteil von 10% in der Bundesverfassung zu verlangen, würde da helfen, wird aber vom Bundesrat abgelehnt. Er hat die gut schweizerische Tradition der Genossenschaften offenbar aus den Augen verloren und schätzt deren Nutzen als drittem Weg zwischen Miete und Eigentum zu gering ein.

Hingegen bekommt die Genossenschaftsbewegung international zunehmend Aufmerksamkeit. Elinor Ostrom erhielt 2007 den Nobelpreis in Ökonomie für ihre Arbeit, in der sie sich mit Problemen kollektiven Handelns bei knappen natürlichen Ressourcen, die gemeinschaftlich genutzt werden (Allmenden), beschäftigt. Für eine angemessene und nachhaltige Bewirtschaftung von lokalen Allmenderessourcen ist häufig die lokale Kooperation der Betroffenen sowohl staatlicher Kontrolle als auch Privatisierungen überlegen. Seit 2016 steht die Genossenschaftsidee und -praxis auf Antrag Deutschland auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturebes. Gute Gründe also, dass die SPS im Parteiprogramm 2010 und im Positionspapier zur Wirtschaftsdemokratie 2016 mehr Genossenschaften fordert, die sich am Prinzip «ein Mensch – eine Stimme» und an den Werten Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Nachhaltigkeit orientieren.

Gemeinden mit Wohnungen von Baugenossenschaften und anderen gemeinnützigen Bauträgern

Abb.: Infoool wohnbaugenossenschaften schweiz

Genossenschaftswohnungen nach Grossregionen in %

Abb.: Infopool wohnbaugenossenschaften schweiz                                                        

Ueli Keller, geb. 1954, dipl. Arch. ETH, selbständiger Architekt
Vorstandsmitglied wohnbaugenossenschaften schweiz,
Vorstandsmitglied Baugenossenschaft mehr als wohnen
Präsident Stiftung zur Erhaltung von preisgüsntigen Wohn- und Gewerberräumen der Stadt Zürich (PWG).

 

Quellen:
Hugentobler M., Hofer A., Simmendinger P., Hrsg.:
Mehr als Wohnen, Genossenschaftlich Planen – ein Modellfall aus Zürich
2016, Birkhäuser Verlag GmbH, Basel, ISBN 978-3-0356-0469-6
Bosshard F.:

Wohnen für alle, gut und schön. UNO-JAHR DER GENOSSENSCHAFTEN
2012, Die Wochenzeitung Nr. 38/2012, Zürich, https://www.woz.ch/-31da

Stadt Zürich, SVW Zürich, Hrsg.:
Wohnen morgen – Standortbestimmung und Perspektiven des gemeinnützigen Wohnungsbaus.
2008, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, ISBN 978-3-03823-424-1
Stahel Th., Hrsg.:
Wo–Wo–Wonige! Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968
2006, Paranoia city Verlag, Zürich, ISBN 978-3-907522-22-6
Purtschert R., Hrsg.:
Das Genossenschaftwesen in der Schweiz.
2005, Haupt Verlag, Bern, ISBN 3-258-06917-4
Schmid P.:
Die Wohnbaugenossenschaften der Schweiz, Theoretische Grundlagen, Forschungsstand, Befragung 2005, unveröffentlichte Masterarbeit am VMI Universität Freiburg, Freiburg.
Caduff Chr., Kuster J.-P., Hrsg.:
Wegweisend Wohnen. Gemeinnütziger Wohnungsbau im Kanton Zürich an der Schwelle zu 21. Jh.
2000, Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich, ISBN 3-85881-116-5
Allgemeine Baugenossenschaft Zürich:

Unser Kampf gegen die Wohnungsnot.
1918, ABZ, 2014 Faksimile Nachdruck, STEO Stiftung, GDZ Zürich

 

 

Links:
Wohnbaugenossenschaften Schweiz, Verband der gemeinnützigen Wohnbauträger
www.wbg-schweiz.ch
WOHNEN berichtet umfassend über den genossenschaftlichen Wohnungsbau in der Schweiz

www.zeitschrift-wohnen.ch

GRÜNDEN BAUEN WOHNEN, Wegleitung für Wohnbaugenossenschaften + solche, die es werden wollen.

www.wohnbaugenossenschaft-gruenden.ch

Wohnbaugenossenschaften Schweiz, Regionalverband Zürich
www.wbg-zh.ch
association romande des maîtres d’ouvrage d’utilité publique
www.armoup.ch
HABITATION, Revue trimestrielle de la section romande de l‘association suisse pour l‘habitat.
www.habitation.ch
Plattform Genossenschaften: Neue Wohnformen, urbane Kultur, innovative Konzepte
www.plattform-genossenschaften.ch
Baugenossenschaft mehr als wohnen
www.mehralswohnen.ch

Genossenschaft Kalkbreite
www.kalkbreite.net

Kraftwerk1 Bau- und Wohngenossenschaft
www.kraftwerk1.ch

Genossenschaft Wogeno, Genossenschaft selbstverwalteter Häuser
www.wogeno-zuerich.ch

Wohnungspolitik Schweiz – Informationsplattform über den gemeinnützigen Wohnungsbau.
www.wohnungspolitik-schweiz.ch/de/dokumente
« Das genossenschaftliche Zürich », Porträts von 19 Genossenschaften in Zürich, um 1928, Präsens Film
http://www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_9022-001, Bild und Ton, Schweizerisches Sozialarchiv
Mouvement coopératif, Dictionnaire historique de la Suisse (DHS)
www.hls-dhs-dss.ch/textes/f/F16412.php

 

 

Glossar
http://www.wbg-schweiz.ch/coopdict
Wohnbaugenossenschaften Schweiz, Verband der gemeinnützigen Wohnbauträger
coopératives d’habitation Suisse, fédération des maîtres d’ouvrage d’utilité publique

 

webmaster@pagesdegauche.ch

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